Reisebericht Albanien – Eine Beobachtung Über den kapitalistischen Identitätsverlust eines Landes
Die albanische Regierung investiert seit über einem Jahrzehnt strategisch in den Ausbau der Tourismus-Infrastruktur. Während immer mehr Menschen das Land bereisen, verlieren die Urlaubsorte ihren ursprünglichen Charme.
Kurzes Vorwort
Um die Tragfähigkeit dieses Textes einzuordnen – oder die eventuelle Unvollständigkeit des Gesamtbildes zu benennen – ist es wichtig zu betonen, dass sich meine Erfahrung auf eine Woche in einem touristisch überladenen Urlaubsort bezieht. Ein Land und seine Probleme durch ein kleines Guckloch zu betrachten wird dem Thema nicht zur Gänze gerecht. Trotzdem lassen sich Schlüsse ziehen, die von größerer Bedeutung sind.
12:36 Uhr, Tiranë
Der Asphalt beim Nord-Busterminal glüht. Fahrer rufen Namen von Küstenorten, Autos hupen und die Luft riecht nach Zigaretten und Benzin. Wir fahren 5 Stunden und 40 Minuten entlang der albanischen Küste von Tiranë nach Himarë. Der Bus ist randvoll, hinten quetscht sich noch ein britischer Backpacker auf die Stufe zwischen den Sitzen der letzten Reihe. 1.500 Lek kostet die Fahrt pro Person, umgerechnet 16,16€. An den Fenstern hängen senffarben gemusterte Vorhänge, die die Sonne draußen halten sollen. Die Busdecke ist mit dunkelbraunem Leder ausgekleidet und mit Strasssteinen in Diamant-Optik besetzt. Über der hinteren Türe hängt ein Röhrenbildschirm, der kein Bild anzeigt. Steht der Bus im Stau, fällt die Klimaanlage aus, und die Tourist:innen wedeln hektisch mit ihren Fächern.
Die öffentliche Verkehrsanbindung in Albanien besteht fast ausschließlich aus Busrouten. Große Reisebusse verbinden Hauptstädte und stark frequentierte Strecken, während Kleinbusse, sogenannte Furgons, auch kleinere Dörfer verbinden. Online sind zwar Abfahrtszeiten zu finden, meistens fahren Busse aber einfach dann los, wenn sie voll sind. Bezahlt wird üblicherweise mit Bargeld direkt vor Ort. Der Zugverkehr ist extrem eingeschränkt und wird kaum bis garnicht für regulären Reiseverkehr benutzt. Im Vergleich zum mitteleuropäischen Standard existiert quasi kein flächendeckendes und digitalisiertes öffentliches Verkehrsnetz. Nach dem Ende des albanischen Sozialismus unter Enver Hoxha (1944-1990) wurde der gesamte öffentliche Verkehr privatisiert. Die Busse unterliegen daher keiner staatlichen Regulierung, sondern operieren ausschließlich unter privaten Unternehmen.
Der Bus quält sich langsam durch den Stau in Tiranë. Auf dem Weg aus der Stadt ziehen sozialistische Wohnbauten in Orange, Beige und Lachsfarben vorbei. Dazwischen stehen baufällige Einfamilienhäuser und modern verglaste internationale Hotelketten, Banken und Autohändler. Ihre Fassaden glänzen in aufpolierter Marmoroptik und stechen fast unangenehm aus ihrer Umgebung heraus. Allmählich werden die Gebäude am Straßenrand spärlicher. Der Bus hebt und senkt sich im Sekundentakt über Bodenwellen und Schlaglöcher. In Durrës stehen wir erneut im Stau. Hier dominieren die riesigen Hotelanlagen glänzend neben den Wohnhäusern.
Je weiter wir an der Küste Richtung Südosten fahren, desto mehr verändert sich die Landschaft. Das Grün der Bäume wird greller, und der Schutt auf den Straßen ist rot wie das Gestein, auf dem sich Nadelbäume und trockene Büsche tummeln. Die Berge werden höher, die Straßen kurviger und die Dörfer kleiner und unpolierter. Um 18:17 Uhr kommen wir in Himarë an.
Die Strandutopie
Entlang der Hauptpromenade reihen sich in 1-Meter-Abständen insgesamt 18 Bootstour-Stände auf. Tag und Nacht stehen hier Vertreter:innen, die uns Flyer in die Hände drücken wollen. Die Bars und Lokale strahlen in einem nordamerikanisch angehauchten Glamour, der überhaupt nicht zu den Häusern dahinter passt. Seit Anfang 2025 ragt hier auch ein sechsstöckiges 5-Sterne Hotel zwischen den alten, teils baufälligen Gebäuden empor.
Die Regierung unterstützt seit 2019 die Errichtung renommierter internationaler 4- bis 5-Sterne-Luxusresorts. Diese sind von der Einkommensteuer, der Grundsteuer und der Infrastruktur-Abgabe befreit. Zudem profitieren sie von einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 6 %, der auch für kleinere Hotelleriebetriebe gilt. Von dem durch Tourismus erwirtschafteten Geld fließt demnach nur ein geringer Teil an den Staat zurück. Seit 2024 erlaubt die Regierung den Bau von Luxusresorts auch auf Naturschutzgebieten. Gegen diese Gesetzesänderungen protestieren die Albaner:innen seit Mai 2026.

Der Strand, an dem die Promenade entlangführt, verläuft von West nach Ost von einem Sandstrand in einen Steinstrand. Das Wasser ist kristallklar und türkis-blau, als hätte jemand es aus einem Reiseprospekt ausgeschnitten und in die Landschaft geklebt. An die äußeren Ränder der Bucht gedrängt liegen zwei öffentliche Strandzonen. Der Rest ist dicht gefüllt mit Liegen und Sonnenschirmen von Hotels und Lokalen. Die naturbelassenen Buchten sind abgelegen und nur per Boot oder zu Fuß über steile Wege voller Geröll erreichbar. Mir tropft der Schweiß schon auf dem Weg zur Unterkunft in meine hellgrünen Crocs, deshalb geben wir uns mit der Strandmeile zufrieden. Schön ist das Meer auch hier.
Je länger der Weg zur Promenade dauert, desto heruntergekommener werden die Straßen und Häuser. Authentische Lokale verstecken sich in Seitengassen und Hinterhöfen.
Unsere Unterkunft liegt zehn Gehminuten bergauf vom Strand entfernt. An den blauen Terrassengeländern hängen sorgfältig gepflegte Blumentöpfe, und über die Überdachung rankt Wein. Die Gastgeberin Labrini erzählt uns, dass sie eigentlich einen griechischen Pass besitzt. Sie bringt uns Wassermelone, eingelegte Kirschen und griechischen Kaffee. In Himarë gehört ein Großteil der Einwohner:innen der griechischen Minderheit des Landes an. Unter dem sozialistischen Regime wurden die Grieche:innen nur in ausgewählten Zonen als Minderheit anerkannt – Himarë gehörte nicht dazu. Griechischer Schulunterricht und die Nutzung der Sprache wurden verboten. Erst nach dem Ende des Regimes wurde die Sprache durch Remigration wiederbelebt.
In unserer zweiten Nacht bei Labrini brennt ein Kabel auf der Straße durch, und der Strom fällt aus.
Unser Niche-Aesthetic-Balkan-Summer
Wahrscheinlich hat uns Social Media dieses Jahr nach Albanien gelockt. Unzählige Accounts posten gerade von ihrem Balkan Summer. Dabei zeigt sich ein interessanter Trend: Seit ich hier bin werden mir massenhaft Travel-Vlogs von Bosnien und Herzegowina, Serbien und Montenegro bis nach Moldau in die Timeline gespült. Es wirkt, als wären Reisende auf der Suche nach authentischen Orten, die sie im globalen Westen nicht mehr zu finden vermögen.
Dabei stellt sich auch die Frage, wo man die Grenze zum Voyeurismus zieht. Nach welchen Ideologien sehnen wir uns, die wir vorgeben zu suchen?
Lea Ypi beschreibt in ihren autobiographischen Roman “Frei” die Tourist:innen, die Albanien während dem Sozialismus besuchten. Sie kategorisiert sie in zwei Gruppen: die Realisten und die Träumer. Die Träumer wetterten gegen die Makel der Sozialdemokratie; sie bewunderten den Sozialismus und sahen das Land als heldenhaftes Vorbild. Die Realisten bereisten Albanien aus Langeweile, als Alternative zu den überrannten Stränden herkömmlicher Urlaubsorte und auf der Suche nach einem Abenteuer.
Diese subjektiven Kategorien Ypi’s haben sich in den letzten Jahrzehnten zwar verschoben und etwas aufgelöst, trotzdem formt sich ein vergleichbares Bild in den sozialen Netzwerken: Es ist eine Wiedergabe des westlichen Frusts und der Langeweile.
Das war Alles nicht immer so
Der Tourismus in Albanien boomt seit zwei Jahren. In 2024 waren es allein 12 Millionen Besucher:innen – eine beachtliche Zahl für ein Land mit nur 2,75 Millionen Einwohner:innen. Zusätzlich zu Landschaft und Kultur locken hier auch die niedrigen Preise. Gleichzeitig beträgt das monatliche Nettoeinkommen in Albanien im Schnitt 632€, während die Lebensunterhaltskosten durchschnittlich 905€ ausmachen. Die Zahlen variieren je nach geografischer Lage, doch vor allem in Tiranë und in der Küstenregion steigen die Kosten.
Während der sozialistischen Diktatur zwischen 1944 und 1990 profitierte das Land wenig an Tourismus. Dieser fand noch dazu abgegrenzt und parallel zum Alltag der Albaner:innen statt. Während der Sozialismus positive Entwicklungen ermöglichte – wie etwa die landesweite Alphabetisierung, den Ausbau von Straßen und Stromnetzen sowie eine grundlegende Gesundheitsversorgung – grenzte sich der Staat fast vollständig von der restlichen Welt ab. Die Paranoia vor ausländischen Invasionen wuchs. Ministerpräsident Enver Hoxha ließ landesweit hunderttausende militärische Betonbunker errichten. Durch die Geheimpolizei Sigurimi wurden politische Gegner:innen verfolgt und bespitzelt. Nach 1967 wurden alle Religionen verboten – Kirchen und Moscheen infolgedessen zerstört.
Während der gesamten Diktatur wurden Schätzungen zufolge bis zu 300.000 Menschen inhaftiert und verurteilt, zwangsumsiedelt oder in Internierungslager gesperrt. Zwischen 6.000 und 10.000 Menschen wurden hingerichtet, mehrere Tausend starben an Folter, Erschöpfung und Unterernährung in den Arbeitslagern. Genaue Zahlen gibt es bis heute nicht.
Nach dem Fall des Sozialismus brach politisches und wirtschaftliches Chaos aus. Westliche Investor:innen, Berater:innen und Diplomat:innen gaben vor, das Land beim Privatisierungsprozess zu unterstützen. Die Paranoia des Regimes blieb bestehen, die Bevölkerung fand kein Vertrauen in die neue, vermeintlich sozialdemokratische Regierung. Allein im Jahr 1991 flohen schätzungsweise über 200.000 Albaner:innen aus dem Land, die meisten nach Italien und Griechenland. Die Verbliebenen wurden von den neu privatisierten Firmen ermutigt, in Fonds und Pyramidensysteme zu investieren. 1997 brachen sämtliche dieser Pyramidensysteme zusammen – die Schuld wurde bei der Regierung gesucht. Ein Großteil der Albaner:innen verlor ihr gesamtes Vermögen. Daraufhin brach ein mehrmonatiger Bürgerkrieg aus. Im Sommer 1997 wurden die Aufstände weitgehend durch eine Intervention der Vereinten Nationen niedergeschlagen. Es wurde eine neue Regierung eingesetzt, die weiterhin vorrangig das staatliche Monopol zurückgewinnen wollte. In den folgenden Jahren verließen weiterhin laufend Albaner:innen das Land, aus Perspektivenlosigkeit und aufgrund von Korruption.
Bis heute kaufen sich ausländische Unternehmen in das Land ein. Die albanische Regierung unterstützt sie besonders im Tourismussektor, unabhängig davon, ob die Natur oder die Albaner:innen darunter leiden. In beliebten Urlaubsorten führt das erkennbar zu einer Entfremdung der Kultur, für die das Land eigentlich aufgesucht wird. Wir sitzen in einem Travis-Scott-themed Brunch-Café. Aus den Lautsprechern ertönt “West Coast” von Lana Del Rey, und an der Promenade wird ein Dubai-Chocolate-Stand aufgebaut. Das könnte auch Kalifornien sein. Die Kellnerin spricht perfektes amerikanisches Englisch. Ich bin mir nicht sicher, ob sich hier weder Realisten, noch Träumer angekommen fühlen.
Nachtrag
Die Rückfahrt nach Tiranë ist angenehmer. Wir fahren um 5:20 Uhr los und haben jeweils zwei Sitzplätze für uns allein. Im Bus sind mehr Albaner:innen als Tourist:innen und die Klimaanlage ist sogar ein bisschen zu kühl. Mir gefällt das Land. Ich kenne den Ausblick aus dem Busfenster und die endlosen Serpentinen von meinen Kindheitsurlauben in Griechenland, auch wenn mir während der Autofahrten jedes Mal übel wurde. Trotzdem zieht es mich regelmäßig zurück zu den roten Felsen und den leuchtend grünen Nadelbäumen.
Natürlich ist Albanien mehr als seine korrupte Regierung. Die starke Konzentration von westlich-kapitalistischem Kitsch findet auch in reichlich anderen Ländern statt. Sie steht überall gleichermaßen dafür, wie Profit die Identität eines Ortes raubt.
Quellen
https://albaniantimes.al/albania-extends-tax-breaks-for-luxury-resorts-until-2026/
https://wise.com/de/cost-of-living/albania
https://www.deutschlandfunk.de/opfer-des-albanischen-kommunismus-verbannt-enttaeuscht-100.html
https://tippingpoint.net/de/mit-herz-und-seele-gefoltert/
https://albaniandailynews.com/news/albanians-massive-exodus-took-place-31-years-ago-1
Ypi, Lea (2021): Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte.