Armut, Krawall & Wahnsinn – Die Darstellung des Gemeindebaus auf Social Media

Der Wiener Gemeindebau bietet bis heute kostengünstigen Wohnraum für ein Viertel der Stadtbevölkerung. In den Sozialen Medien wird er als absurde und sozial abgeschottete Problemzone dargestellt. 

“Hob i di droht? Na, ob i di droht hob?”, schreit ein Mann mittleren Alters eine Gruppe Kinder und Jugendliche an. Die Szene spielt sich im Frühjahr 2007 in einem Wiener Gemeindebau-Hof ab. Bis heute ist sie einer der ersten Ausschnitte, der unter dem Suchbegriff “Gemeindebau” auf der Social-Media-Plattform TikTok zu finden ist. Darüber zu lesen ist die Überschrift: POV1: Du lebst im Gemeindebau. Ursprünglich stammt die Aufnahme aus einer “Am Schauplatz” Reportage, die im selben Jahr im ORF ausgespielt wurde. Beim Weiterscrollen erscheinen ähnliche Auszüge aus alten Fernsehbeiträgen oder aktuellen Folgen der ATV-Sendung “Mein Gemeindebau” – alle ohne Kontext oder Einordnung. 

Pensionist*innen schimpfen über die schlechten Zustände, Bewohner*innen reden ungefiltert über sexuelle Praktiken und stellen ihre skurril eingerichteten Wohnungen vor der Kamera zur Schau. Ein Bild von sozialer Verwahrlosung, Armut und einer Parallelgesellschaft entsteht. Die Nutzer*innen der Plattform belustigen sich aktiv an den Videos. Kommentare wie “Oh mein Gott, bin ich froh, dass ich nimmer in Wien wohn’.”, “Danke für das Trauma ATV-Team!”, oder “Ich kann nicht mehr.”, sind unter den Ausschnitten zu lesen. Eine positive Gegendarstellung des sozialen Wohnbaus in Wien ist auf der Plattform auf den ersten Blick nicht vertreten. 

Auf TikTok wird der Gemeindebau als heruntergekommen dargestellt.
(©2026, Lauth Marlis)

Was auf TikTok wie spontaner Nutzer-Content wirkt, folgt dabei einem klaren Muster. Ein Großteil der meistgeklickten Clips stammt nicht von Bewohner*innen selbst, sondern sind Ausschnitte aus Fernsehformaten der frühen 2010er Jahre oder aktuellen Sendungen – herausgelöst aus ihrem ursprünglichen Kontext, neu betitelt, manchmal mit ironischen Untertiteln oder Soundeffekten versehen. Der Algorithmus erledigt den Rest: Was Reaktionen erzeugt, wird ausgespielt. Und Ausschnitte, in denen ein aufgebrachter Pensionist einen Hof voller Kinder anschreit, erzeugen Reaktionen.

Dabei träfe die Bezeichnung “Parallelgesellschaft“ die Realität des Wiener Gemeindebaus kaum schlechter. Rund 60 Prozent der Wiener Bevölkerung leben in gefördertem Wohnbau – Gemeindebau und gemeinnützige Genossenschaften zusammengerechnet. Der Gemeindebau selbst ist über alle 23 Bezirke der Stadt verteilt, vom Villenviertel in Döbling bis zum dicht bebauten Favoriten. Die Einkommensgrenze für den Bezug einer Gemeindewohnung liegt derzeit bei 4377,14€ Netto pro Monat. Einen Anspruch auf geförderten Wohnbau haben somit auch Menschen, die mehr als der österreichische Durchschnitt verdienen. Das war politisch so gewollt. Die soziale Durchmischung und die stadtweite Verteilung sollten verhindern, was in anderen europäischen Großstädten passiert ist – die Konzentration von Armut in abgehängten Stadtteilen, die sich zu Problemvierteln verdichten. Dadurch lässt sich auch beobachten, dass die Mieten in Wien auch außerhalb des geförderten Wohnbaus niedriger sind, als in benachbarten Ländern. Christoph Reinprecht, Soziologe an der Universität Wien und einer der führenden Forscher zum sozialen Wohnbau, hält fest, dass die soziale Segregation in Wien im europäischen Vergleich bis heute vergleichsweise gering geblieben ist.

Abgesehen von der Einkommensgrenze sind die Voraussetzungen für den Bezug einer Gemeindewohnung noch von anderen Faktoren abhängig. Es gilt ein Mindestalter von 17 Jahren – mit einem Vertragsabschluss ab 18. Außerdem muss ein gemeldeter Hauptwohnsitz in Wien von mindestens zwei Jahren und eine österreichische Staatsbürgerschaft oder ein gleichgestellter2 Nachweis vorgelegt werden. Der Hauptmietzins ist gedeckelt und hängt von der Größe der Wohnung ab. Im Schnitt liegt der Quadratmeterpreis dadurch weit unter dem Durchschnitt am freien Markt. 

Auch historisch gesehen ist die Entwicklung des Gemeindebaus ein wichtiger Bestandteil der Stadtgeschichte. In der Zwischenkriegszeit wurden unter dem ersten sozialdemokratischen Bürgermeister Jakob Reumann die ersten sozialen Wohnbauten gebaut. Innerhalb eines Jahrzehntes wurden rund 65.000 neue Wohnungen errichtet. Die Gemeindebau-Höfe der ersten Republik stehen bis heute für das Sinnbild des “Roten Wien”3. Wohnblöcke mit Gemeinschaftswaschküchen, Kindergärten und Grünflächen schufen eine neue Art des Zusammenlebens in der Stadt.

Die Architektur der Gemeindebau-Höfe der ersten Republik prägt das Stadtbild.
(©2025, Lauth Marlis)

Besonders prägend für das negative digitale Bild des Gemeindebaus war die ATV-Sendung „Wir leben im Gemeindebau“, die ab 2011 ausgestrahlt wurde, und deren Nachfolgeformat „Mein Gemeindebau“. Beide Sendungen präsentierten sich als Dokumentationen mit Entertainment-Faktor – ein Blick hinter die Kulissen des sozialen Wohnbaus, authentisch und ungefiltert. In der Praxis bedeutete das vor allem die Auswahl jener Bewohner*innen, die vor der Kamera am schillerndsten wirkten. Skurrile Lebensgeschichten, offene Konflikte, Armut als Unterhaltung. Bereits 2011 beschwerte sich der Mieterbeirat einer der gezeigten Anlagen schriftlich beim Sender: Es sei „moralisch untragbar“, mit den Schicksalen der Bewohner*innen Quote zu machen, indem man sie „der öffentlichen Heiterkeit preisgibt“. ATV antwortete, man habe niemanden inszeniert und wolle „den Zusammenhalt zeigen“. Die Quoten blieben gut. Die Sendung wurde fortgesetzt.

Heute leben diese Bilder auf TikTok und Instagram weiter – losgelöst von jedem redaktionellen Rahmen, den die Originalsendungen zumindest noch vorgaben. Was damals immerhin als Dokumentation verpackt war, zirkuliert heute als Meme. Plattformen wie Joyn, die die Formate im Vollprogramm streamen, betreiben dazu eigene Social-Media-Kanäle und posten gezielt die kuriosesten Ausschnitte als Teaser. Das ist keine Nebenwirkung – das ist Strategie.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Irmtraud Voglmayr hat diesen Mechanismus schon für das Fernsehzeitalter beschrieben: Mediale Inszenierungen der Gemeindebau-Bewohner*innen zirkulieren als dominante Imaginationen im öffentlichen Raum und können so zur Stigmatisierung eben dieser Menschen führen. Was Voglmayr für das lineare Fernsehen analysierte, multipliziert sich in sozialen Medien um ein Vielfaches. Ein Fernsehbeitrag aus dem Jahr 2007 läuft einmal, vielleicht zweimal in der Mediathek. Auf TikTok kann er unbegrenzt oft geteilt, recycelt und kommentiert werden – jedes Mal ohne den ursprünglichen Sendekontext, ohne Einordnung, und mit einer Kommentarspalte, die selbst zur inhaltlichen Ebene wird.

Eine Umfrage von Wiener Wohnen aus dem Frühjahr 2025 ergab, dass 80% der Bewohner*innen sehr oder eher zufrieden mit ihrer Wohnsituation waren. 77% der Befragten gaben an, dass sie sich auch in Zukunft wieder für eine Gemeindewohnung entscheiden würden. Auch international gesehen gilt der soziale Wohnbau in Wien als Erfolgsmodell und Vorbild für andere Staaten und Städte. 

Das Bild auf TikTok erzählt eine andere Geschichte. Dort ist der Gemeindebau ein Ort, über den man sich lustig macht – oder vor dem man sich fürchtet. Beides funktioniert nur, wenn man nicht dort wohnt, oder zumindest so tut als ob. Dass das für die Mehrheit der Wiener Bevölkerung schlicht nicht zutrifft, spielt im Kommentarbereich keine Rolle. Der Algorithmus kennt keine Nuancen. Er kennt nur Verweildauer.

Fußnoten

1 Der Ausdruck “POV” steht für “Point of View” und beschreibt ein hypothetisches Szenario, in das sich das Publikum hineinversetzen soll.

2 Als gleichgestellt zu einer Staatsbürgerschaft gelten in diesem Kontext Nachweise als EU-Bürger*in, EWR-Bürger*in, Schweizer Staatsbürger*in, Person mit dem Aufenthaltstitel “Daueraufenthalt EU” sowie ein Flüchtlingsstatus nach Genfer Konvention.

3 Das “Rote Wien” bezeichnet die sozialdemokratisch regierte Ära der Stadt von 1919 bis 1934. Zu den Errungenschaften dieser Zeit zählen der Ausbau des sozialen Wohnbaus, der städtischen Gesundheitsversorgung, der allgemeinen Schulbildung und der städtischen Bäder und Sportanlagen.

Quellen

https://www.wienerwohnen.at/info/ueber-uns.html

https://www.oesterreich.gv.at/de/themen/bauen_und_wohnen/wohnen/Seite.210240

https://www.wienerwohnen.at/info/der-gemeindebau/die-geschichte-des-gemeindebaus.html

https://www.dasrotewien.at/seite/kommunaler-wohnbau

https://newsv2.orf.at/stories/2286309

https://hugobreitnerhof.ning.com/group/zusammenleben/forum/topics/beschwerde-zur-atvsendereihe

https://wohnberatung-wien.at/glossar/109?cHash=37fb8153612fed2a3f1a1859e9b93e47

https://presse.wien.gv.at/presse/2025/04/13/wiener-wohnen-der-wiener-gemeindebau-ist-ein-international-bewundertes-erfolgsmodell

Voglmayr, Irmtraud (2018): Klassismus in der Populärkultur. Schauplatz Gemeindebau.